Grisocomodo
  Motor-Rad-Reisen

Gänsehaut


Über den Scheitelpunkt der Kuppe geht es richtig schnell ins Tal. Das Gefälle macht es dem Motor verlockend leicht, das Motorrad zu beschleunigen. Aber das Ziel ist nicht die Höchstgeschwindigkeit, sondern die nächste Kurve. Und die heißt Wehrseifen. Gleich danach geht es wieder bergauf. Diese Talkurve ist nicht weniger legendär als der Nürburgring selbst.

Wir schreiben das Jahr 1978 und ich spüre diese freudig angenehme Gänsehaut beim souveränen Beherrschen dieser fordernden Fahrsituation. Und die beherrscht mein Onkel Heinz, mit mir als Sozius auf seiner Honda CB400N. Das ist das Größte. Ich bin vierzehn und meine Kumpels daheim fahren Mofa.

Onkel Heinz, Honda CB 200, 1976


Mein Onkel hatte kein Auto und ist immer Motorrad gefahren. Wahrscheinlich habe ich intuitiv von ihm alles gelernt, was man über das Motorradfahren wissen muss. Sein Star war Giacomo Agostini und von italienischen Motorrädern hat er immer geschwärmt. Diese waren jedoch preislich eben so unerreichbar wie eine Reise zur TT auf der Ilse of Man. Leider ist mein Onkel viel zu früh an einer Krankheit verstorben.

Im Winter 2006 stolperte ich in einem Bericht über die Mailänder EICMA über ein Foto von einem Motorrad, das mich nicht mehr loslassen sollte. Ich wusste intuitiv – DAS ist meine Maschine. Die betörende Kombination aus traditioneller Technik und modernem Design berührte mich zutiefst. Ohne sie jemals Probegefahren zu sein, orderte ich eine Moto Guzzi Griso 850. Durch die Runde meiner (mittlerweile süddeutsche Flachtwins bewegenden) Kumpels ging der Aufschrei – „Oh nein, doch keine Italienerin!“ Wilde Werkzeug Einsätze auf Touren wurden prophezeit. Innerlich tat ich das schmunzelnd mit dem Gedanken „Ihr Mofafahrer…“ ab.

 

Auf meiner Moto Guzzi Griso 850, 2020
Laufleistung ca. 140.000 km


Zwischen 2007 und 2015 war die Bella mein Hauptmotorrad. Im täglichen Einsatz und auf Touren zwischen Gibraltar und Nordkapp hat sie mich auf 150.000 km nie wirklich im Stich gelassen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten hat sie sich ausschließlich mit Wartungsarbeiten begnügt. Es war mir ein besonderes inneres Anliegen und ich war es auch meinem Onkel Heinz schuldig, mit ihr auf die Isle of Man zu reisen und kurz vor der Tourist Trophy den Mountain Course entlang zu donnern.

Hinauf nach Keppel Gate sehe ich nur noch Himmel vor mir. Und nach der folgenden Linkskurve Kate’s Cottage fällt der Blick in die tiefe blaue irische See. Die anschließende abfallende Gerade macht es leicht zu beschleunigen. Und dann kommt die rechtwinkelige Rechtskurve bei Creg ny Baa – mit der nach links abfallenden Straßenoberfläche. Das ist wie Wehrseifen 1978.

Es gab und gibt andere Motorräder in meinem Leben, die für die jeweiligen Aufgaben besser geeignet sein mögen. Die moderner, leistungsfähiger und sicherer (ABS etc) sein mögen. Aber wenn ich hin und wieder meine Bella ausführe, dann gibt es diese ganz besondere Gänsehaut.


Text und Fotos Andreas Thier 03/2021
Veröffentlichung Download "MOTORRADFAHRER & MOTORRAD NEWS" 08/2021