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  Motor-Rad-Reisen

Städtetour 2016

Schwansen - London - Paris


Bordeaux - Paris ist ein legendäres Langestreckenrennen über 600 Kilometer. 1891 erstmal ausgetragen, war es lange Zeit das längste Eintagesrennen im Profiradsport. 1988 wurde es zum letzten Mal ausgetragen. Seitdem wird es mit mehr oder weniger Regelmäßigkeit als Veranstaltung für Hobby-Radsportler organisiert. - Dieser Klassiker reizte mich natürlich!


Bereits im Winter 2015/16 hatte ich mich angemeldet. Mein Plan - auf eigener Achse von zu Hause nach Bordeaux, drei Tage ausruhen und dann mit dem Feld nach Paris. Von per Flieger wieder in den Norden. Nachdem im Frühjahr ein Platz im Flieger und in einem Hotel gebucht war, kam die Absage des Veranstalters. - Na toll!


Da ich weder Hotel noch Flug ohne Verlust der vollen Kosten stornieren konnte, habe ich aus der Not eine Tugend gemacht. Die Lösung war eine Route, die mich von zu Hause zum Abflugdatum nach Paris führen sollte. Dabei griff ich eine Idee auf, die mir seit längerem lose im Kopf herumschwirrte - während einer Tour beide Seiten des Englischen Kanals zu bereisen.


Etwas Kartenarbeit und Etappenlängen mal Reisetage - und fertig war die Route. Dabei ist mir dummerweise der Fauxpas unterlaufen, dass ich in der Bretagne nur überschlagmäßig direkte Entfernungen kalkuliert habe. Aber natürlich wollte ich ja die Küstenlinie ausfahren, was ich dann auch getan habe. Dafür musste ich mich dann ganz schön strecken und ordentlich pedalieren, um in Paris den Flieger nicht zu verpassen und natürlich dort auch noch einen Tag verbringen zu können.


Mit einem Systemwechsel beim Provider ist Anfang 2023 ein kompletter Neuaufbau der Homepage erforderlich. Dabei geht der Reisebericht zu dieser Tour verloren. Daher gibt es keine ausführliche Darstellung. Aber es gibt immerhin einige Fotos. Und zwischen die Fotos setze ich einfach mal meine Blog Beiträge von unterwegs, die ich damals für die Homepage des Altonaer Bicyle Club verfasst habe.

Also viel Spaß bei der Durchsicht und vielleicht bei der Inspiration...


Die Route - über 2.100 Kilometer auf dem Kontinent und auf der britischen Insel.


Mein Transcontinental Race bewährter KRABO Randonneur.
Die Reise war als flotte Leichtgepäcktour arrangiert. Rad 10, kg. Gepäck 5,5 kg. Alles dabei für drei Wochen, inklusive einer zivilen Garnitur (Hemd, Hose, Schuhe).


Mit dem Rad ins Büro (52 km) und nach einem frühen Feierabend den Tag noch nutzen.


Old school (Papierkarte) und New School (GPS) - meine erste Tour mit GPS Navigator.


Der erste Tag verlief schon einmal super. Morgens mit dem Rad zur Arbeit. Ein paar Stunden arbeiten bis das Rad im Büro zu unruhig wurde und dann bei Sonnenschein und Rückenwind aus Nordost bis Hemmoor. (insgesamt 163 km)


Sonnenbank in Norddeutschland


2. Tag   13.05.

Und schon in den Niederlanden


Ein wirklich Radfahrer freundliches Frühstück ist ein guter Start in den Tag. Die Bedingungen sind fantastisch. Bereits beim morgendlichen Start verzichte ich auf Arm- und Beinlinge. Und es ist vollkommen in Ordnung. So fühlt sich der lang ersehnte Sommer an. Ich habe gute Beine und komme bestens voran. Das leichte Gepäck und der Rückenwind bleiben natürlich nicht ohne Wirkung. Drei Stunden und 76 km später erreiche ich die Weserfähre. War die Landschaft bisher angenehm abwechslungsreich, empfängt mich nun eine Marschlandschaft mit all ihren spärlichen Attributen.
Der Wind kommt immer vorlicher aus N bis NNW. Dennoch halte ich die Pace hoch und hoffe, mir einen kleinen Puffer an Kilometern zu erfahren. Denn auch der Blick zum Himmel kündigt eine Wetteränderung an. Nach einer kleinen Erkundungsfahrt durch das schöne Leer, setze ich meine Fahrt fort und überquere noch die Grenze zu den Niederlanden. Das erste freie Quartier ist meins. Nieuweschans, 182 km, total 345 km.

3. Tag   14.5.

Der Wind heult, der Dachstuhl knarzt wie ein alter, hölzerner Lastensegler. Es ist tief in der Nacht. Ich drehe mich herum und versuche wieder einzuschlafen.
Der Start erfolgt bei 8 Grad Celsius, Starkwind aus NW und schweren Regenschauern. Zum Glück kommt zwischenzeitlich auch die Sonne zum Vorschein. In tiefer Haltung im belgischen Stil trotze ich dem Wind und komme noch immer relativ flott voran. Es ist aber nicht zu leugnen, dass die Sache Körner kostet.

In Groningen lege ich eine Pause ein und genieße das bunte Treiben sowie die stylischen Fahrräder. Bei der Weiterfahrt wird mir wieder bewusst, welchen Vorteil die Navigation per Garmin bietet. Bei der Vorbereitung habe ich schmale Wirtschaftswege ausgesucht. Nun genieße ich das sorglose Fahren auf Wegen, die ich per Papierkartennavigation niemals gefahren, geschweige denn gefunden hätte. In Leeuwarden ist dann das Tagewerk getan. 119 km, total 464 km


4. Tag   15.5.
Hossa! Ist denn schon wieder Herbst? - Der Witterung folgend, liegt die Vermutung jedenfalls nahe. Bei morgendlichen acht Grad Celsius und nordwestlichen sechs Beaufort ziehe ich alle Kleidungsregister. Lange Hose und Armlinge sowieso, Überschuhe, Handschuhe, Wintermütze und die Windjacke, solange es viertelwegs trocken bleibt. Die Regenjacke ist griffbereit verstaut. Aber bei meinem Minimalgepäck ist ja eh alles griffbereit.

Die Strecke bis Harlingen bringt wieder Wind von vorne rechts. Dann wird es spannend. Nicht nur weil die Passage über den Afsluitdijk bevorsteht, sondern weil der Kurs auch etwas südlicher ausfällt. Reicht das für achterlicher als querab? (Auf Radfahrerdeutsch: Rückenwind) - Nein. Es bleibt purer Seitenwind. Zum Glück schützt der seeseitige Deich vor dem Gröbsten. Auf der Deichkrone im Schleusenbereich kann ich jedoch kaum geradeaus fahren. Wieder auf dem Festland geht es in Richtung Alkmaar weiter. 



Empfehlenswertes Quartier


In Alkmaar streife ich mit dem Rad durch die Gassen und erfreue mich an dem Treiben in den Gassen. Anschließend fahre ich noch bis Castricum und beziehe Quartier in einem ehemaligen Rathaus von 1911. Und das Beste des Tages. - Ich bin trocken geblieben. Obwohl ich des Öfteren auf nasse Straßen gestoßen bin. 130 km, total 594 km


5. Tag   16.5.
Für einen Radfahrer sollte ein Tag mit einem guten Frühstück beginnen. Hat er auch, jedenfalls fast. Eine Stunde vor der Frühstückszeit werde ich wach. - Vor Hunger… Bei dem fantastischen Angebot bediene ich mich dann gerne. Das Futter reicht dann auch fast bis zur Fähre in Hoek van Holland. Die Route führt durch stark urbanes Gebiet. Das ist gewöhnungsbedürftig, war ich bisher doch ausschließlich ländlich unterwegs (also von den Stadtdurchfahrten abgesehen). Die Beschilderung für Radfahrer ist absolut vorbildlich. Selbst bei großen Straßenbaustellen werden werden gesonderte Umleitungen für Radler ausgewiesen.

Bei diesem Ortsschild dürfte wohl jeder Radler schmunzeln.


Die gefühlt 1.000 Ampeln vereiteln ein wirklich zügiges Vorankommen. Letztendlich ist das jedoch nicht tragisch, da das Boarding erst um 18.30 möglich ist. Na toll. Es gilt also noch mehr als viereinhalb Stunden zu überbrücken, ohne zu erfrieren…haha. Die Warterei gestaltet sich dann kurzweilig. 


Unerschrockene britische Matchless Piloten auf dem Weg nach Hause. Sie kommen von einem Treffen auf dem Kontinent und sind alles auf eigener Achse gefahren. 


Ich gerate in einen Haufen britischer Motorradfahrer, die mein Rad ebenso interessiert begutachten, wie ich ihre alten britischen Maschine (Matchles, AJS …). Classic meets classic. Da hat man schnell eine Wellenlänge… Hoek van Holland 96 km, total 690 km

6.Tag   17.05.

Morgens von der Fähre kommend geht es in Richtung London.


Auf ländlichen Wegen von Harwich in Richtung London.

Bezahlbare Quartiere in akzeptablem Zustand und mit sicherer Radunterbringung sind in London eher Mangelware und daher nicht einfach ausfindig zu machen. Ich nächtige daher weder königlich, noch fürstlich. Aber für eine Nacht ist es ok. 135 km, total 825 km


7. Tag   18.05.
Ein Tag der Premieren. Zum ersten Mal mit dem Rad in London, zum ersten Mal nasse Füße auf dieser Tour und zum ersten Mal im Leben die Queen gesehen.
Aber von vorne begonnen. Die rund acht Kilometer zur Tower Bridge vermitteln mir einen Teil der großen Faszination und Einzigartigkeit von London. Es ist eine unglaublich bunte Stadt mit extrem unterschiedlichen Menschen und Kulturen.


Schlumpfi am ersten Zwischenziel



Und in London wird Rad gefahren. Für mich völlig überraschend viele Radler setzen beim Alltagsverkehrsmittel auf das Rad. Bevorzugt werden Rennräder und Single Speed Räder. Nebenbei bemerkt ist es auch das schnellste Individualverkehrsmittel. Ansonsten erstickt London im Verkehr.


Fahrradstadt London - wer hätte das gedacht?

 

Alltagspendler


Natürlich gibt es auch jede Menge Fixies


Klasse Fahrradinfrastruktur


Mein nächstes Ziel ist der RAPHA Store. Zuverlässig führt mich der Garmin Navigator ans Ziel. Der Laden weist ein integriertes Café auf und ist super stylisch. Und selbstverständlich gibt es Radhalter und -Ständer IM Laden. (In London wird geklaut was das Zeug hält.) Ich werde auf mein sonnenverblichenes Trikot angesprochen und schon landet das Gespräch beim Transcontinental Race 2015. Ich werde freundlich bedrängt ausführlich zu berichten und werde im Gegenzug mit Kaffee und Kuchen versorgt…


Stylischer RAPHA Shop im Herzen von London


Das anschließende Verlassen der Stadt stößt auf ungeahnte Schwierigkeiten. Wesentliche Bereiche meiner geplanten Route sind gesperrt, da Frau Königin mit ihrer Kutsche vom Palast zum Parlament zu fahren gedenkt. Das Spektakel lasse ich mir nicht entgehen und stehe mit vielen Briten am gut gesicherten Straßenrand, als sie dann in naher Distanz vorbei kutschiert.


Mittags komme ich dann los. Bei der anschließenden Weiterfahrt nimmt der Regen zu, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Füße trotz Überschuhe nass sind. Auf der heutigen Route sind die Vororte bürgerlicher. Nach rund 30 Kilometern bin ich wieder im Grünen und das Lauteste um mich herum ist Vogelgezwitscher. Wie schön, nach all dem Großstadtgetümmel.

Herrliche Wege abseits der Hauptverkehrsrouten


Radlers Freude


Britische Kommunikationsklassiker


Wieder an der Küste, Brighton Pier

Da ich eh nass bin und nur durch Bewegung warm bleibe, fahre ich bis Brighton durch, wo mich zur Belohnung die Sonne erwartet. 107 km, total 932 km


8. Tag   18.05

Sonnenschein zum Frühstück, mit Blick auf das Meer. Was will man mehr?
Gemütlich rolle ich wenig später an der nördlichen Küste des englischen Kanals entlang. Die Grundtemperatur der Luft ist noch immer kühl und der mäßige SW Wind kühlt den Körper aus. Dagegen hilft nur in Bewegung zu bleiben oder windgeschützt in der Sonne zu sitzen. Beides zelebriere ich heute in einem ausgewogenen Verhältnis.

Küstenimpressionen


Zum Teil gibt es nette Radwege entlang der Promenaden. Ansonsten sind die kleineren und größeren Landstraßen überaus brauchbar. Obwohl überaus (zu) schnell gefahren wird, überholt mich  kaum ein Autofahrer mit weniger als eineinhalb Meter Abstand. Da die Straßen wirklich schmal sind, kommt es zu sehr riskanten Manövern. Aber ausschließlich zwischen den Autos. Ich ziehe mehr als einmal den Kopf ein, da ich zersplitternde Außenspiegel befürchte. Da passt dann kaum mehr eine Sunday Times zwischen. Vielleicht gibt es in UK ja einen schwunghaften Handel mit rechten Außenspiegeln…


Very British


Ich gleite an der Küste entlang und genieße die maritime Szene. Portsmouth ist DER Hafen der Royal Navy. Wer sich näher für das Thema interessiert kann dort bestimmt eine gute Woche ohne Langeweile verbringen. Ich genieße einfach die Kulisse aus großer Historie und modern umgenutzter Werftbereiche.

Zudem setze ich von dort zur Isle of Wight über. Für Segler ist das ein fester Begriff. Seit 1826 wird, initiiert von der Royal Yacht Squadron, jährlich die Cowes Week ausgetragen. Dagegen ist die Kieler Woche neumodischer Kram. 

Der Royal Ocean Racing Club unterhält im Yachthafen von Cowes ein Clubhaus und richtet seit 1957 alle zwei Jahre den Admirals Cup mit dem Fastnet Race aus. Da will ich mich dann morgen mal umschauen. Newport, 100 km, total 1.032 km



9.Tag 20.05.2016
Lazy Day!  - Nach mehr als 1.000 km gönne ich mir eine entspannte Halbetappe. Zuvor mache ich mich jedoch in der Nacht an dem Spülkasten des WC meines Hotelzimmers zu schaffen, da es mitten in der Nacht   anfing zu plätschern. Aber ich bastel ja gerne mal an der Technik von Hotelzimmern herum. (Bevorzugt sind Rollladenkästen auf dem Balkan…)

Über wunderbare Wege. Und zwar ganz ohne navigatorischen Wuling. - Dank Garmin!


Morgens lockt dann zur Belohnung die Sonne. Es bleibt aber kühl und der frische Südwest hat Wolken in seinem Gepäck. Auf zum Teil schmalen und verwunschenen Wegen geht es gemütlich nach Cowes. Ich tingel durch den netten Ort und verfolge anschließend das Treiben im Yachthafen, wo Vorbereitungen für eine Regatta getroffen werden.


Cowes, Isle of Wight - legendär in Sachen Segeln



Der Ort ist auch für die ‘Beken of Cowes’ bekannt, einer Familie von Fotografen aus Cowes. Der Name steht seit 1888 für Yachtfotografie besonderen Stils. Der Begründer hat dazu zunächst eine eigene Kamera entwickelt, da die damaligen Balgenkameras auf dem Meer nicht widerstandsfähig genug waren. Mit seinem Ruderboot ist er dann in den rauen Solent gefahren, um genau ein Foto aufnehmen zu können. Die Glasplatte musste anschließend an Land gewechselt werden.



For sale - zum Schnapperpreis. Um ehrlich zu sein, ich habe mich dabei erwischt auf der Wiese um den Drachen herumzuschleichen und den Rumpf zu inspizieren...


Sailing


Ich cruise noch etwas über die grüne und beschauliche Insel, bevor es mit der Fähre von Yarmouth nach Lymington geht. Zurück auf der großen Insel lasse ich mir ebenfalls Zeit zum Schauen und Verweilen. In Bournemouth gelingt es mir direkt am Wasser bzw der Promenade entlangradeln zu können. Somit bleibt mir der Stadtverkehr erspart. Die Strandbadehäuschen sind britisch bunt.


Badehäuser


Asphaltierte Wirtschaftswege. Wunderbare Wege. Mehr geht nicht.


Energielieferant




Blick aus dem Garten meiner Unterkunft


Entgegen meiner ursprünglichen Planung entdecke ich eine Fähre auf die Studland Peninsula und erspare mir den Stadtverkehr von Poole. In dem gemütlichen Swanage beziehe ich ein Quartier und lasse den Tag ausklingen.
84 km, total 1.116 km


10. Tag   21.05.

Rot und British Racing Green


Southwester - Wäre diese praktische, wasserdichte Kopfbedeckung für Seeleute nicht schon längst erfunden worden, hätte ich sie heute erfunden. Die charakteristische nach hinten gerichtete breite Krempe verhindert das Eindringen von Wasser in die Kleidung. Und das ist auch bitter notwendig. Der starke Südwestwind treibt hier den Regen durch alle Ritzen.

Von London nach Brighton begleitete mich Regen mit NW Wind. Der starke SW der letzten beide Tage verblüffte mich dann dahingehend,  dass ich trocken blieb. Heute war es dann aber soweit. Der Südwest macht seinem (schlechten) Ruf alle Ehre.
Anfangs finde ich die Sache noch erträglich. Der Regen ist nicht all zu stark und vor allem auch wärmer als vor drei Tagen. Auf dem Rad lernt man auch die Nuancen zu schätzen. Die Strecken sind zum Teil wieder zauberhaft und ich erfreue mich am gepflegten britischen Country Style. Alles sehr gediegen. Die eher kleine Hafenstadt Weymouth hat viel mehr Charakter als die großen Seebäder.

Küstenorte


Der Regen erreicht die volle Stärke und läßt sich auch durch gute Stimmung nicht ignorieren. Die Steigungen werden immer bissiger und der Südwest von vorne links kostet zusätzlich Körner. An exponierten Stellen beuteln mich bissige Böen, sodass Geradeausfahren schon eine gewisse Konzentration erfordert. Bei der Fahrt durch Abbotsbury verspüre ich im Gegensatz zum Vormittag keine Lust mehr zum Fotografieren. Obwohl das Ortsbild mit einheitlich aus Naturstein errichteten Häusern interessante Motive bietet.




Anschließend geht es eine Steigung hinauf, die der eines großen Alpenpasses würdig ist. Ich habe keine Ahnung wie hoch es geht, aber es reicht aus, um voll ins Kondensationsniveau der ohnehin feuchten Luft zu fahren. Es gießt wie aus vollen Eimern, die Sichtweite beträgt noch rund 50 m und der Wind zehrt am Lenker. Südwest-Wetter.




In Bridport streiche ich früh nachmittags die Segel. Mit Mühe gelingt es mir ein Zimmer im Tiger Inn zu ergattern. Nach der Dusche wärme ich mich erst einmal eine Runde im Bett auf und dann wird es gleich runter in den knalle vollen Pub gehen. Dort laufen Rugby Übertragungen und bereits jede Menge Bier. 


Noch ist es quasi leer. 


Ich bin sicher, dass sich morgen nicht jeder an das letzte Spiel erinnern wird…
Bridport, 78 km, total 1.194 km


11. Tag   22.05.

Kräftiges Frühstück


Alle Hände voll zu tun. - Das gab es heute. Für die Fortbewegung per Rad eigentlich erstaunlich. Aber das Radfahrerleben hat ja so seine Tücken. Der Start fand zwar im Trockenen statt,  aber nach nicht ganz einer halben Stunde wechsele ich von der Windweste zur Regenjacke. Im Grunde ist es auch egal. Da es im Tiger Inn keine Heizungsaktivitäten gab, sind die Socken und die Schuhe eh noch feucht. Daher macht der Regen jetzt keinen so großen Unterschied.


Das braucht kräftige Beine.


Einen großen Unterschied macht jedoch die Topographie.  Und zwar zwischen Berg und Tal. Daher ist viel Handarbeit gefragt. Reißverschluss auf und zu, ist die Klimaanpassung zwischen Berg- und Talfahrt. Das läßt sich natürlich locker während der Fahrt erledigen. Die Steigungen hier in Devon sind knackig. An den Landstraßen stehen hin und wieder   Hinweisschilder…. Ich fahre aber wieder viel über total verwunschene Wege. Mir liegt das Fahren in dem extrem wechselhaften Gelände sehr. Weitere Handarbeit in Form von pfiffigem Schalten hilft die Trittfrequenz konstant zu halten. Und die sehr präzisen und kurzen Schaltwege der Campagnolo Schaltgruppe helfen bei der Freude  am Schalten




Ab Mittag läßt sich sogar wieder die Sonne blicken. Da macht nicht nur das Fahren  mehr Spaß. Auch die Ausblicke werden wieder richtig grandios. Ich genieße neben den abgeschiedenen Farmen und Dörfer in Binnenland, die kleinen beschaulichen Küstenstädtchen.



Nach 1.768 Höhenmetern auf einer Distanz von 90 km, beziehe ich mein Quartier in Torqauy. Das Rad darf mit auf’s Zimmer, was mir eh am liebsten ist. Im Pub des Hauses lasse ich den absolut runden Tag mit Futter, Cider und netter Gesellschaft ausklingen. Strecke 90km, total 1.284 km.



12. Tag   23.05.

Achterbahn fahren - Riesenräder sind in etlichen britischen Seebädern zu finden. Richtig Spaß macht jedoch Achterbahnfahren. Und genau das steht auf dem Programm des letzten Tages auf der britischen Insel. Es gelingt mir, fast die gesamte Strecke bis Plymouth auf meinen Lieblingswegen zurückzulegen. Da ist 'Kette links’ angesagt. Die Steigungen kommen mir zum Teil noch knackiger als gestern (bis zu 20%) vor. Mit einem Dreifachkettenblatt, etwas Übung in den Beinen und wenig Gepäck, geht das mühelos. Die Wege sind rau und weisen wechselnde oder auch mal gar keinen Belag auf. Das ist sicher nichts für Carbonfelgenfahrer mit acht Speichen. Meine Laufräder mit jeweils 36 dreifach gekreuzten Speichen und 28 mm Reifen stecken souverän eine Menge Menge weg. So lasse ich es denn auch bergab ordentlich laufen und pflüge ich durch die wunderbare grüne Landschaft.  Das ist besser als Achterbahnfahren.




Einmal taucht verblüffender Weise vor mir ein 'Verkehrshindernis’ auf… Ich rolle dann eine Weile neben der Bäuerin her und wir führen eine sehr angenehme Unterhaltung. So etwas schätze ich bei den Briten sehr.




Eine recht gute Radinfrastruktur leitet mich dann von der Peripherie ins Zentrum. Es ist erst Mittag und so strolche ich etwas durch Plymouth und verbringe den Nachmittag in der Sonne am Wasser.


Unerwartet gute Radinfrastruktur


Ambulanz-Rad des National Health Service. Innerorts die schnellste verfügbare Hilfe.



Plymouth Leuchttrum


Die Kaffee Kultur ist auf der britischen Insel angekommen. - Zum Glück...smile.



Das Embarking für die Fähre ist erst um 1900. Es trudeln noch andere Reiseradler ein, so dass wir bald eine kleine illustre Runde sind, in der interessante Geschichten ausgetauscht werden. Aus verschiedenen Gründen, aber zum größten Teil wegen Missmanagement, kommen wir Radler erst um 2130 an Bord. Spontan fällt mir ein naheliegender Vergleich mit einer großen dutschen Eisenbahngesellschaft ein. “Thank you for travelling with…Brittany Ferries”.1.060 Höhenmeter, 60 km, total 1.344 km


13. Tag   24.05.

Ironie - Brittany Ferrirs und ich werden keine guten Freunde. Mit einen guten Frühstück hätte ich mich vielleicht noch rumkriegen lassen. Aber die Chance wurde verwirkt. Irgendwie ist der gesamte Bordbetrieb relativ chaotisch. Beim Disembarking laufen definitiv zu viele Leute mit zu wenig Streifen auf der Schulterklappe herum und geben zum Teil völlig widersprüchliche Anweisungen.

Egal. Ich bin froh von Bord zu sein und freue mich die Sonne zu sehen. Ich radel zunächst ein Stündchen an der Küste entlang und lege dann ein richtiges Frühstück, mit richtigem Kaffee ein. Wie wunderbar. Willkommen in der Bretagne.


Warten auf das nächste Hochwasser. Im Tidefluss gestrandet.


Konsequent folge ich der Küstenlinie und fahre diese auch aus. Baie de Morlaix, Baie de Lannion, Côte de Granit Rose… Das ist hier der Hammer. Hinter jeder Kurve bieten sich neue spannende und phantastische Ausblicke. Ich nehme mir Zeit zum Schauen, Verweilen und auch zum Fotografieren. (Schließlich ist das Urlaub und kein Rennen…smile.)

An der französischen Küste unterwegs.


Eine französische Radsportgruppe lässt mich an ihrem Depot teilhaben. - Merci!


Sonnenschein, blauer Himmel und türkisfarbiges Wasser. Und Ostwind! Und zwar der Stärke 5 bis 6 Beaufort. Ironie der Geschichte Ich fahre eine Küste mit gefürchteten Westwinden entlang und habe Ostwind, also Wind von vorne. Aber es ist mir ehrlich gesagt egal. Zum ersten Mal seit 10 Tagen fahre ich wieder in kurzer Hose und ich erfreue mich einfach an der aufregenden Küstenlandschaft mit den pittoresken kleinen Häfen.




Die Steigungen sind hier übrigens längst nicht so steil wie auf der Nordseite des englischen Kanals. Für die meisten Steigungen reicht das mittlere Kettenblatt aus. Und da die Straßen von weitaus besserer Qualität sind, fahre ich bergab auch schon mal 'Kette rechts’. Perros-Guirec, 1.350 Höhenmeter, 122 km, total 1.466 km


14. Tag   25.05.

Nicht lustig - Aller Ironie zum Trotz finde ich es heute nicht so lustig mit dem Gegenwind. Der Himmel ist grau und trostlos. Es ist so kühl, dass ich fast dazu neige Überschuhe, Handschuhe und Wintermütze einzusetzen. Ich versuche es dennoch ohne.
Zum Glück kann ich mich ein paar Kilometer einrollen und warmfahren, bevor die erste Steigung für das ganz kleine Kettenblatt und das ganz große Ritzel kommt. Im kalten Zustand mag ich so etwas nicht. Die nächsten beiden Landzungen lasse ich aus, da mir sonst die Zeit etwas knapp wird. Ich quere das Binnenland nach Osten. Irgendwie komme ich heute nicht richtig in den Tritt. Wenngleich hier in der Bretagne viel mehr Möglichkeiten bestehen, direkt an der Küste entlang zu fahren, was ich wirklich großartig und atemberaubend finde, so kann das Binnenland nicht mit der britischen Insel mithalten.


Manches ist nett,  vieles wirkt aber auch trostlos. Ich finde durchaus ähnliche schmale Wege, aber auch die können landschaftlich nicht mithalten. Auch vom Belag her sind sie nicht vergleichbar. Entweder sind sie viel besser oder viel schlechter. Eine Schotterpassage bleibt nicht aus. Frei nach der Aussage des Führers eines submarinen Fahrzeuges aus der deutschen Filmgeschichte sage ich mir - Das muss das Rad aushalten. (Tut es natürlich auch.)


Als ich in einem Kreisverkehr einen Leuchtturm entdecke, muss ich dann aber doch schmunzeln und die Stimmung hellt sich etwas auf. Im Hafen von Binic esse ich das beste Crêpes meines Lebens. Mit Chocolat noir für 1,50 Euro. Als dann auch die Sonne wieder zum Vorschein kommt, finde ich meinen soliden runden Tritt wieder und kurbel vergnügt bis Pleherel Plage, 7 km südwestlich vom Cap Fréhel. Ein guter Ausgangspunkt für morgen

Noch ein kleiner Hinweis. Ich bin kein Statistik-Freak und kurbel das Gelände einfach weg wie es kommt. Die Höhenmeter führe ich jedoch mit an, damit sie eine Orientierung geben, falls sich jemand für eine Radtour in diesen aufregenden Küstenlandschaften interessiert. Als Faustformel für die Länge der Tagesetappen empfehle ich folgende.
Britische Südküste = Flachlandetappen × 0,5
Bretagne = Flachlandetappen x 0,7
Wobei mit Flachlandetappen die Distanz gemeint ist, welche man bei mäßigen Bedingungen mit dem jeweiligen Tourengepäck zuverlässig im Mittel fahren kann.
Pleherel Plage, 1.370 Hm, 134 km, total 1.600 km


15. Tag   26.05.
Rund - Ein absolut runder Tag, von Anfang an. Da es erst um 0830 Frühstück gibt, kann ich gemütlich ausschlafen. Das kleine gemütliche Hotel lädt wirklich zum Verweilen ein, aber um 0930 geht es dann los. Und zwar bei Sonnenschein. Die Strecke zum Cap Fréhel ist absolut grandios. Am Cap gibt es dann auch einen 'richtigen’ Leuchtturm zu sehen. Vor dem nächsten touristischen Halt in St. Malo steuer ich  einen Decathlon Sportsupermarkt südlich von St. Malo an. Ich bin mir beim Vorderreifen nicht sicher, ob ich die Reste von Negativprofil sehe oder ob es sich um feine Risse handelt. Da ich die Sache weder wissenschaftlich untersuchen, noch bis zum letzten ausreizen will erstehe ich sicherheitshalber einen Faltreifen. Nachdem dieser verzurrt ist geht es weiter.



Zwischen St. Malo und dem Mont St. Michel sehe ich Fischereifahrzeuge, die dieser Bezeichnung wirklich gerecht werden. Viel mehr beschäftigt mich allerdings das hinter mir aufziehende Unwetter. Somit kurbel ich was die Beine hergeben, um möglichst lange trocken zu bleiben. Ich habe Glück und bleibe bis auf ein paar Tropfen verschont.



Der Ort vor dem Mont St. Michel ist Startort der diesjährigen Tour de France. Der gesamte Ort ist schon für den Grand Depart am 2. Juli dekoriert.


Vorbereitung auf den Grand Depart der Tour de France.

Ich radel noch bis nach Mortain weiter, wo ich nach 160 km und 1.180 Hm ankommme. Total 1.760 km


16. Tag   27.05.
Revue - Das Frühstück in der Unterkunft wird zu einer interessanten Insider Runde. Bei meiner gestrigen Ankunft fielen mir natürlich sofort die rund zehn anderen Fahrräder im Unterstand auf. Somit werden Frühstück und Startvorbereitungen sehr kurzweilig.
Am besten, nach meinem eigenen (smile), gefällt mir ein Rad von 'Alex Singer’. Wer den Film 'Brevet’ gesehen hat, dem dürfte der Name ein Begriff sein . Das Rad ist absolut klassisch. 531er Reynoldsrohr, schön verzierte Muffen….


Ansonsten verläuft der Tag angenehm ereignislos, so dass ich die Gelegenheit habe, die bisherige Tour Revue passieren zu lassen. Nach einer halben Stunde im kühlen Nebel kommt die Sonne heraus und sie begleitet mich den ganzen Tag. Die Route führt wieder über kleine Landstraßen und ich bin mit dem Verlauf sehr zufrieden.

Erstaunlicher Weise kommen heute auch noch einmal 1.500 Höhenmeter zusammen. Aber ich finde alles recht flüssig fahrbar. Noch 120 km bis zu meiner Unterkunft in Paris.
Ich kenne nicht den genauen Streckenverlauf von Paris-Brest-Paris. Aber ich traue mir nun ein gewisses generelles Urteil über die Topographie zu. Und daher möchte ich den PBP-Absolventen, von denen ja auch der Altonaer Bicycle Club einige vorweisen kann, meinen tiefen Respekt aussprechen. I´Aigle, 140 km, total 1.900 km


17.Tag   28.05.
Das Ziel ist das Ziel - Und der Weg dorthin kann bis zum letzten Meter spannend sein. Mit der lässigen Gewissheit fast am Ziel zu sein, habe ich gestern Abend auf den Abgleich zwischen analoger Straßenkarte und der gespeicherten Garmin Route verzichtet. Das bezahle ich mit fünf Kilometer Umweg und der entsprechenden Zeit. Denn Herr Garmin und ich sind uns beim Start alles andere als einig.


Auf der richtigen Route unterwegs,  geht es nach Osten. Anfangs ist es feuchtkalt und nebelig. Verglichen mit den vergangenen sechzehn Tagen ist die Landschaft relativ trist. Irgendwann löst die Sonne den Nebel auf. Die Landschaft erscheint nun grüner, aber ebenso trist. Immerhin komme ich auf wenig frequentierten Landstraßen gut voran.



Nach dem Mittag braut sich im Westen ein wenig Vertrauen erweckendes Gewitter zusammen, welches in meine Richtung zieht. Auf freier Flur möchte ich da ganz bestimmt nicht hinein geraten. Daher düse ich im Einzelzeitfahrmodus von Dorf zu Dorf, um gegebenfalls Schutz vor Blitz und Donner zu finden. Wieder habe ich Glück und bleibe bis auf ein paar fette Tropfen vor Schlimmerem verschont



Ich erreiche die Peripherie von Paris und der Garmin Navigator führt mich sicher nicht auf dem kürzesten, aber auf dem für Radler schlausten Weg zielstrebig zur vorgebuchten Unterkunft.

Noch immer blitzt und donnert es im Westen. Erleichtert und vor allem tief zufrieden steige ich vom Rad. Ich habe mein Ziel erreicht. Und es war wirklich spannend bis zum letzten Meter.


Für heute lege ich die Füße hoch. Aber morgen geht es nach Paris rein. Natürlich auf dem Rad… Paris, 137 km, total 2.037 km


Schlumpfi am Ziel in Paris



Text und Fotos Andreas Thier 05/2016